Rückblick 2017

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Die neue Vermessung der Welt.
Digitale Selbstverteidigung oder Feudalismus 3.0?

Big Data, künstliche Intelligenzen und die Macht von Algorithmen haben prägenden Einfluss auf unsere Gesellschaft. Beim 18. Gautinger Internettreffen am 21. und 22. März 2017 beschäftigten wir uns daher mit der zunehmenden Digitalisierung der Welt und den daraus resultierenden Fragen an die Jugendarbeit und (Medien-)Pädagogik.

Inhalte der Inputs und Diskussionen waren insbesondere die Folgen von Vernetzung, Datenanalyse und Datenhandel, also von Technologien, die eine globale Konsumentensteuerung ermöglichen. Auch die Auswirkung von Algorithmen auf unser Informationsverhalten wurde kontrovers diskutiert, beispielsweise die möglichen Ausmaße der sog. „filter bubble“, die eine selektive Wahrnehmung befördert und damit zu einer Polarisierung der Gesellschaft beiträgt. Doch auch die positiven Folgen der Digitalisierung wurden nicht außer Acht gelassen: Dazu zählen beispielsweise zahlreiche Erleichterungen, die das „Internet der Dinge“ für den Alltag liefert (auch im Bildungsbereich), ebenso wie große 3D-Druckanlagen, die günstigen und schnellen Wohnbau ermöglichen.

Nun gilt es, der jungen Generation bei der Frage nach „digitaler Demokratie oder digitaler Diktatur“ zur Seite zu stehen. Einigkeit bestand darin, dass eine Befähigung zur digitalen Selbstverteidigung und  zur informationellen Selbstbestimmung unabdingbar ist, ebenso die Vermittlung von Hintergrundwissen über Technologien, Algorithmen und wirtschaftliche Interessen von Großkonzernen. Auch eine offene Haltung von Bildungseinrichtungen (nach innen wie außen) und ein konsequenter Dialog mit internationalen Anbietern wurden als wichtige Forderungen betrachtet.

Das 18. Gautinger Internettreffen bot viel Raum für interessante Vorträge, anregende Praxisimpulse und spannende Diskussionen unter den Teilnehmenden.  Veranstaltet wurde die Tagung von der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Institut für Jugendarbeit Gauting, dem Referat für Bildung und Sport der LH München/Pädagogisches Institut und dem SIN – Studio im Netz.

 

Impulsvorträge:

Yvonne Hofstetter (Essayistin, Juristin, IT-Unternehmerin):
Das Ende der Demokratie. Wie uns die künstliche Intelligenz entmündigt

„Streichen Sie den Satz ‚Ich habe nichts zu verbergen‘ aus Ihrem Wortschatz.“

Das „second machine age“ habe begonnen, so Hofstetter. Maschinen seien nicht mehr nur Werkzeuge, sondern sie könnten das, was Menschen auch tun, teils sogar schon besser umsetzen. Das Problem sei heutzutage unter anderem, dass Transparenz nicht mehr nur nach dem Prinzip „bottom-up“, sondern nun mehr auch nach dem Prinzip „top-down“ gefordert wird. Mittels verschiedener Sensoren können Personen ständig über ihr Smartphone überwacht werden, dies teils sogar ohne ihr Wissen. Den Satz ‚Ich habe nichts zu verbergen‘ könne man deshalb aus dem Wortschatz streichen, so Yvonne Hofstetter.

Das Neue im 21. Jahrhundert sei, dass auch Wirtschaftsakteure und Finanzinvestoren unsere Grundgesetzte angreifen. Filter-Blasen führen dazu, dass Informationen algorithmisch gefiltert seien. Dadurch würde unsere Gesellschaft in Einzelmeinungen fragmentiert und diese Vermassung entmachte uns. Künstliche Intelligenzen würden außerdem genutzt, um uns zu „profilen“. Technologischer Rassismus und Nudging kann die Folge sein, wenn künstliche Intelligenz falsch angewendet wird. Dies führe dazu, dass der Mensch nur noch eine Maschine sei, ein Algorithmus ohne Persönlichkeit. „Warum lassen wir uns das gefallen?“, fragt Hofstetter. Ihre Antwort: Weil es der Lifestyle des 21. Jahrhunderts sei, und weil das so sein soll. Damit gibt sie sich jedoch nicht zufrieden: Sie fordert einen Strategiewechsel, welcher eine eigene digitale Infrastruktur der EU, Marktregulierungen durch den Gesetzgeber und Umgebungsrechte für Technologen beinhalten soll. Schließlich ist ihr ein freies und gutes Leben im 21. Jahrhundert wichtig.

 

Prof. Dr. Hans-Joachim Hof (Technische Hochschule Ingolstadt):
Die Generation 4.0: Aufwachsen mit dem Internet der Dinge, Industrie 4.0 und Big Data

„Ein Entkommen gibt es immer. Ich bin ein Technik-Optimist.“

Prof. Hof ist bekennender Fan des „Internet der Dinge“ und sieht dabei viele positive Aspekte. Es rege zu mehr Spaß, bewusstem, sozialem und selbstbestimmten Leben sowie zur Effizienz an. Auch in dem Thema „Big Data“ sieht er positive Entwicklungsmöglichkeiten. So könnten u.a. individuelle Produkte angeboten und Kunden besser verstanden werden. Die Gefahr jedoch sieht er vor allem in der Qualität und im Umgang mit der Software, denn Lücken werden nicht gepatcht, sie werden stattdessen „akzeptiert“. Auch Fehlschlüsse durch intelligente Algorithmen und mangelnde Entziehbarkeit durch den sog. Netzwerkeffekt und die Erfassung von Unbeteiligten seien Gründe zur Sorge.

Als die Generation 4.0 bezeichnet er Leute, die mit dem Internet der Dinge aufwachsen. Weiterhin stellt Hof fest, dass diese Generation Ich-bezogen sei und eine „Money-for-Value“-Attitüde besitze. Sie zeige außerdem geringe Toleranz gegenüber anderen Meinungen und nutze den Cyberspace als ihren Wirkraum, verkenne jedoch die Probleme bezüglich des Datenschutzes. Im Umgang mit der Generation 4.0 fordert er schließlich, dass sich die Sichtweise gegenüber ihnen ändern müsse: Eigenverantwortung solle betont und die Möglichkeit zum Scheitern nicht genommen werden. Durch Vorbilder in der realen Welt könne man aufzeigen, dass man etwas bewegen kann, um so das Engagement zu fördern. Da die Probleme grundlegender seien, als in der Presse dargestellt, tue sich die Generation 4.0 mit dem Erwachsenwerden schwer, jedoch braucht es auch „Technik-Optimisten, die die Zukunft gestalten“ – im bestmöglichen Sinne.

 

Anke Domscheit-Berg (Publizistin, Netzaktivistin, Unternehmerin):
Visionen einer neuen Medienkompetenz. Herausforderungen durch die digitale Revolution

 „Alles wird anders – schneller als gedacht.“

Anke Domscheit-Berg ist der Meinung, wir befinden uns in einer „spannenden Zeit“, nämlich an der Schnittstelle zwischen der zweiten und der dritten Revolution, in der sich Innovationen schneller etablieren als früher. Daraus resultiert für sie, dass sich u.a. der Arbeitsmarkt qualitativ und quantitativ stark verändern werde. Deshalb entstünden heute in anderem Maße neue Jobs, für bleibende Berufe würden andere Kompetenzen benötigt. So würden durch Innovationen im 3D-Druck, Einsatz von künstlicher Intelligenz und Robotern im Gesundheitswesen, in kreativen Berufen, Verkehr & Logistik und sonstigen Dienstleistungen schon jetzt Arbeitnehmer ersetzt.

Zum Umgang mit unserer digitalen Welt wirft Domscheit-Berg neue Ethik- & Wertefragen auf: Sie widmet sich Themen wie autonome Waffenroboter, Sex-Roboter (in Kinderform?), diskriminierende Algorithmen, Verschmelzung von Mensch und Maschine (als Ersatz oder als grenzenloses Update), DNA-Basteln sowie Respekt und Empathie nur in der Offline-Welt. Gesellschaftlichen Folgen, z.B. das Ausstreben der Erwerbsarbeitsgesellschaft, lebenslanges Lernen als Muss und Informations-Overload, steht sie kritisch gegenüber und weist darauf hin, dass wir uns auf eine Zukunft vorbereiten müssen, die wir noch nicht kennen. Es gelte deshalb, ein solides Wertegerüst der jungen Menschen zu fördern und  Veränderungen als Chance zu sehen.

Das Erlernen von Programmiersprachen befürwortet Domscheit-Berg stark, da dies die „Grundsubstanz der digitalen Gesellschaft“ sei und damit Meta-Kompetenzen erlernt würden. Außerdem sollen Schulen nach innen und außen geöffnet werden. Andere Lernorte, wie FabLabs, sollten aufgesucht werden, um das Selbstbewusstsein der Kinder dadurch zu fördern, dass sie Technik beherrschen können. Außerdem sei es sinnvoll, neue Lehrmaterialien zu verwenden und das Spezialwissen der Schüler zu nutzen und sie als Lehrer einzusetzen. Diese Reformen seien notwendig, da in ihren Augen das Bildungssystem die Jugend zu wenig auf die ungewisse Zukunft vorbereite.

 

Niels Brüggen (JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München):
Big Data als Herausforderung für die Medienpädagogik

„Medienkompetenz hieß noch nie, nur zu richtigen Methoden und Werkzeugen zu bemächtigen, sondern auch, die Gesellschaft und das große Ganze mit einzubeziehen.“

Niels Brüggen stellt zunächst Positionen in Bezug auf den Diskurs um Big Data dar. Dr. Harald Gapski und Mathias Andrasch sind beispielsweise der Meinung, dass wir uns in einer „Medienkatastrophe“ befinden, da zum einen ein Vertrauensverlust und zum anderen ein Kontrollverlust anerkannt werden müsse. In Bezug auf die Medienkompetenz sei es wichtig, sich nicht nur der richtigen Methoden und Werkzeuge zu bemächtigen, sondern man müsse auch die gesamtgesellschaften Entwicklungen mit einbeziehen, die bestehenden Verhältnisse kritisch reflektieren und junge Menschen dabei unterstützen, eigene Visionen zu entwickeln.

Das Problem sei derzeit, dass die jungen User zwar wissen, was mit ihren Daten passiert, und ein gewisses Schutzbedürfnis besitzen, aber dies oft nicht ernst nehmen, da sie den Wert der Daten unterschätzten. Es herrsche außerdem Unsicherheit darüber, ob Daten bisher schon missbraucht wurden. Auch Ohnmachtserfahrungen und Resignation könnten eine Folge sein, da „die Daten ja eh schon gespeichert sind“. Brüggen plädiert außerdem dafür, dass Statistiken wichtiger werden als das Programmieren. Pädagogische Arbeit solle sich auch mit der Diskriminierung durch Algorithmen beschäftigen und gesellschaftliche Verhältnisse reflektieren. Er stellt dabei emanzipatorische Argumente den ökonomischen gegenüber. Schließlich fordert er dazu auf, den Gestaltungswillen zu fördern und digitale Grundgesetze einzuführen. (Präsentation als PDF-Dokument.)

 

Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen (Kath. Universität Eichstätt-Ingolstadt):
Freiheit der Kommunikation – Ethik für Algorithmen!?

„Die Verführung trifft uns immer und überall.“

Freiheiten klassifiziert Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen als negative und positive Freiheiten. Dies bedeute zum einen, „Freiheit von…“, z.B. Abwehrrecht (negativ) und „Freiheit für…“, z.B. Autonomie (positiv). Kommunikationsfreiheit sei ein politisches Ideal, ein ethisches Prinzip und ein normativer Deutungshorizont. Das Problem auf der ganzen Welt sei nach Altmeppen, dass Presse-, Meinungs- und Medienfreiheit eingeschränkt ist. Dies erklärt er mithilfe der Kriterien von „Reportern ohne Grenzen“ oder „Freedom House“, denn Medienvielfalt, Unabhängigkeit der Medien, Selbstzensur, rechtliche Rahmenbedingungen usw. sei nicht erfüllt. Außerdem sei bewusste Missachtung von Gemeinwohl und strukturierte Verantwortungslosigkeit mancherorts an der Tagesordnung.  Das Problem der Digitalisierung sei, dass viel versprochen, aber nichts eingehalten werde.

Algorithmen dienten in erster Linie dazu, Daten zu sammeln, zu filtern und auszuwerten – per se keine negativen Arbeitsschritte, so Altmeppen. Ethisch fraglich sei es jedoch dann, wenn diese Daten zweckentfremdet, determiniert und kombiniert werden, mangelnde Transparenz, ein Ungleichgewicht der Kräfte und Re-Identifizierung herrschen und unrichtige Daten verbreiten würden. Außerdem seien Effekte wie die Filter-Blase und Echokammern sehr bedenklich. Um aus der Verlustrelation heraus zu kommen, sollten wir positive Freiheit fordern, z.B. mit Hilfe eines elektronischen Kontoauszuges über unsere Daten, um stets informiert zu sein und Verantwortung übernehmen zu können. (Präsentation als PDF-Dokument.)

 

Prof. Dr. Jürgen Pfeffer (Hochschule für Politik an der Technischen Universität München):
Stimmungsmache mit Fake News und Social Bots – was tun?

„Bots werden die Wahlen nicht entscheidend beeinflussen, aber sie können zur Radikalisierung beitragen.“

Die Netzwerkanalyse bringe hervor, dass Menschen aufgrund von Homophile (Ähnlichkeiten) und transitiven Beziehungen miteinander sprechen. Auch Filter-Blasen und Echokammern basierten auf diesem Prinzip. Das Problem sei, dass nicht nur andere Menschen, sondern auch „Bots“ unsere Meinung durch Postings o.ä. beeinflussen. Kognitive Prozesse würden dabei durch Netzwerkeffekte ersetzt, denn durch Vermehrung und Bestätigung würden die User in ihrer Meinung bestärkt werden. Dazu sollen z.B. bei jedem kleinen Quiz unsere Daten gesammelt werden, um uns dadurch zu scoren und zu profilen. Pfeffer ist der Überzeugung, dass Daten nicht für sich sprechen, sondern ein Abbild der Erzeuger seien. Problematisch seien die Eigentumsverhältnisse, private Systeme und die Verknüpfung von gesellschaftlichen Daten.

Pfeffer warnt davor, dass es Social Bots und Fake-News immer geben werde. Jedoch weist er darauf hin, dass die Wahrheit irrelevant für die Kommunikation sei, denn „Fakten ändern keine Meinung“. Wir befinden uns nicht in einem „postfaktischen“, sondern im „Post-Trust-Zeitalter“, in welchem man den traditionellen Autoritäten nicht mehr vertraue, sondern eher „peer prodution“ als Vertrauensweg gewählt und Wissen in Interaktion konstruiert werde. Er plädiert abschließend dafür, dass der Druck auf Facebook & Co. erhöht und mehr Transparenz gefordert werden müsse. (Präsentation als PDF-Dokument.)

 

Praxisimpulse:

  • Cryptocafé: Digitale Selbstverteidigung ganz praktisch vermitteln
    (Hartmut Goebel, Lisa Krammel, Lars Tebelmann und Christine Wittig, Ortsgruppe München von Digitalcourage e.V.)
    Projekt-Website
  • Lasst Blumen sprechen… Bildungsideen für das Internet der Dinge
    (Michael Lange, Medienpädagoge, Berlin)
    Handout
  • Geheimhaltung im Zeitalter der Transparenz: Wie schütze ich (m)ein Geheimnis?
    (Dr. Ralf Nemetschek, Nicole Krestan, Nemetschek Stiftung, München)
    Projekt-Website
  • BIG UP 4 BIG DATA – Ein Stationenspiel
    (Katharina Gmeinwieser und Michaela Binner, Medienfachberatung Oberbayern und Schwaben)

    Projekt-Website
  • Data Run – ein Alternate-Reality-Game zum Thema Überwachung
    (Daniel Seitz und Marike Schlattmann, mediale pfade.de, Berlin)
    Projekt-Website
  • Das Internet der Dinge und vernetzte Spielsachen im Kinderzimmer
    (Michaela Weiß-Janssen, Kinder im Netz, Hattert, Gisela Witt, Kunst- und Medienpädagogin, Ludwigshafen, und Jörg Kratzsch, Servicestelle Kinder- und Jugendschutz, Magdeburg)
  • Big Data Analytics und Medienbildung: Methoden und Materialien
    (Gerda Sieben und N.N., jfc Medienzentrum e.V., Köln, Projekt-Site;
    Hans-Jürgen Palme und Björn Friedrich, SIN – Studio im Netz e.V., München, Projekt-Site)
  • E-Textiles & Wearable Technology: Nähen mit Elektronik
    (Anna Blumenkranz, Media Artist & Educator, München)
    Workshop-Beschreibung

 

Müncher Medienprojekte:

Zudem wurden Ergebnisse präsentiert, die im Rahmen der Medienprojekte aus dem Förderprogramm des Stadtjugendamts und des Netzwerks Interaktiv München (Herbstausschreibung 2016) entstanden sind. Die Projektdokumentationen sind hier zu finden.

 

Mediale Rückblicke:

Wir haben vom Internettreffen 2017 auch eine Fotogalerie erstellt.
Weitere Impressionen finden Sie bei Facebook, Twitter und Instagram sowie in dieser Videodoku: