Mit „Wegen zur souveränen Mediennutzung in Jugendarbeit, Schule und medienpädagogischer Praxis“ haben wir uns beim 26. Gautinger Internettreffen am 24. und 25. März 2026 im Institut für Jugendarbeit Gauting beschäftigt.

Auf dieser Seite haben wir alle Präsentationen, Infos und Fotos von der Tagung zusammengefasst.

Gemeinsam? Selbst? Bestimmt? Netzpolitische, medienpädagogische & informatische Dimensionen von Medienbildungsprogrammen.

Dr. Valentin Dander (GMK, Berlin), Prof. Nina Grünberger, Ph.D. (Universität Innsbruck), Pia Hornickel (TU Darmstadt)

Die Referierenden haben das Verhältnis von Mensch, Medien und digitalen Infrastrukturen im Spannungsfeld zwischen klassischer Souveränitätsvorstellung und einer „Post-Souveränität“ kritisch reflektiert. Während Bildungsideale weiterhin auf Rationalität, Mündigkeit und Selbstbestimmung zielen, wird deutlich, dass digitale Abhängigkeiten unausweichlich sind und nur relational sowie kollektiv gestaltbar bleiben. Pädagogische Ansätze müssen daher über individualisierte Kompetenzvermittlung hinausgehen und soziale, politische sowie ökonomische Verflechtungen stärker berücksichtigen.

Die Analyse bildungspolitischer Dokumente (u. a. aus Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Österreich) zeigt, dass digitale Medien überwiegend als Werkzeuge verstanden werden. Der Fokus liegt auf IT-Ausstattung und funktionaler Nutzung, während reflexive, kritische und gestaltende Perspektiven marginal bleiben. Medienbildung wird häufig individualisiert gedacht (Kompetenzerwerb, Schutz vor Risiken), während kollektive Dimensionen wie Gemeinwohl, demokratische Teilhabe oder Machtstrukturen digitaler Infrastrukturen unterrepräsentiert sind.

Zwar finden sich Ansätze zu Themen wie digitale Gewalt, KI oder soziale Ungleichheit, diese bleiben jedoch fragmentarisch. Besonders die aktive Mitgestaltung technologischer Entwicklungen wird selten systematisch adressiert. Insgesamt zeigt sich eine Diskrepanz zwischen normativen Bildungsansprüchen und ihrer konkreten Ausgestaltung.

Für Praxisfelder wie Schule, Jugendarbeit und Medienpädagogik ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Medienbildung als kollektives, politisches und praxisvernetzendes Projekt zu denken und schulische sowie außerschulische Bildungsräume stärker zu verbinden.

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Zukunftsgestaltendes Lernen: Über Möglichkeitsmut und digitale Mündigkeit in der Bildung

Nele Hirsch, eBildungslabor, Halle

Der Impuls von Nele Hirsch thematisiert „zukunftsgestaltendes Lernen“ als Balance zwischen individueller Selbstbestimmung und kollektiver Gestaltung. Ausgangspunkt ist das Konzept des „Möglichkeitsmuts“, das eine produktive Spannung zwischen Problemsensibilität und Gestaltungszuversicht fordert. Weder technikoptimistische Verkürzungen noch alarmistische Abwehrhaltungen (z. B. in Debatten zu Social Media oder KI) seien zielführend. Stattdessen plädiert Hirsch für eine Verschiebung von Angst zu Neugier sowie von Fatalismus zu aktiver Gestaltungsperspektive.

Zentral ist die Umkehr gängiger Fragestellungen: Nicht „Was macht KI mit uns?“, sondern „Was machen wir mit KI?“ eröffnet pädagogische Handlungsspielräume. Digitale Technologien werden dabei als eingebettet in komplexe sozioökonomische Strukturen verstanden (Stichwort Machtkonzentration und Plattformökonomie). Bildung muss diese systemischen Zusammenhänge reflektieren und zugleich Potenziale zur Mitgestaltung eröffnen.

Ein weiterer Fokus liegt auf dem Wechselspiel von innerer Entwicklung und äußerer Transformation. Widersprüche zwischen bestehenden Bildungssystemen und zukunftsorientierten Lernansätzen werden als produktiv beschrieben. Für die Praxis bedeutet dies, Lernräume zu schaffen, die auf Verbundenheit, Reflexion und kollektive Handlungsfähigkeit abzielen.

Medienpädagogik wird damit als politisch-normatives Projekt gefasst: „Gute Pädagogik ist Aktivismus für eine bessere Welt“, meint Nele Hirsch. Ziel ist eine ganzheitliche Bildung, die individuelle Entwicklung, gesellschaftliche Verantwortung und technologische Gestaltung zusammendenkt.

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Von Datenmacht zu Staatsmacht: Künstliche Intelligenz und autoritäre Politik
Prof. Dr. Rainer Mühlhoff, Universität Osnabrück

Rainer Mühlhoff analysiert in seiner Keynote die wachsende Verschränkung von Datenmacht, KI-Technologien und antidemokratischen politischen Projekten. Am Beispiel von Akteuren wie Donald Trump, Elon Musk und Peter Thiel wird deutlich, wie Teile der Tech-Eliten gezielt Einfluss auf staatliche Strukturen nehmen und demokratische Prinzipien unterminieren.

Mühlhoff identifiziert zentrale Merkmale faschistischer Politik: Gewalt als Mittel politischer Machtausübung (auch in digitaler Form, etwa durch Hasskulturen), die Aushöhlung rechtsstaatlicher Institutionen sowie der strategische Einsatz von Technologie zur Kontrolle und Selektion von Bevölkerungen. Historische Parallelen – etwa zur Nutzung von Datenverarbeitung im Nationalsozialismus – verdeutlichen die Kontinuität solcher Machtlogiken.

KI erscheint hierbei als besonders geeignetes Instrument, da sie auf massenhafter Datenerhebung basiert und soziale Ungleichheiten algorithmisch reproduzieren oder verstärken kann. Hinzu kommen ideologische Narrative wie Technosolutionismus, Unvermeidbarkeit technologischer Entwicklung und transhumanistische Visionen, die politische und ökonomische Interessen verschleiern.

Für medienpädagogische Praxisfelder ergibt sich daraus die dringende Aufgabe, KI und digitale Infrastrukturen nicht nur funktional, sondern kritisch-politisch zu thematisieren. Medienbildung muss Machtverhältnisse, Ideologien und gesellschaftliche Auswirkungen reflektieren sowie demokratische Werte, Diskursfähigkeit und kollektive Handlungsoptionen stärken.

Videomitschnitt bei PeerTube und bei YouTube

Jugendlicher Alltag in der Digitalität. Empirische Einblicke in Medienpraktiken und Handlungsspielräume aus dem Projekt „Digitale Souveränität Jugendlicher“

Dr. Jane Müller, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Jane Müller präsentierte Ergebnisse eines qualitativen Forschungsprojekts zu Medienpraktiken von Jugendlichen (14–19 Jahre) aus relationaler Perspektive. Im Fokus steht nicht die Mediennutzung an sich, sondern das konkrete, situative Handeln im Zusammenspiel von Jugendlichen, Plattformen und sozialen Kontexten. Ziel ist es, dominante Vorstellungen „digital souveräner“ Jugendlicher kritisch zu hinterfragen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Medienpraktiken – exemplarisch dargestellt an Snapchat – stark durch Plattformlogiken, soziale Erwartungen und technische Affordanzen geprägt sind. Funktionen wie „Flammen“ oder die Snapmap strukturieren Beziehungspflege, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit, erzeugen jedoch zugleich sozialen Druck und begrenzte Handlungsspielräume. Jugendliche agieren dabei ambivalent: Sie nutzen Medien aktiv zur Beziehungsgestaltung und Selbstdarstellung, reflektieren Risiken und entwickeln Schutzstrategien, bleiben jedoch in kommerzielle und technisch vorstrukturierte Umgebungen eingebunden.

Auffällig ist die Verschiebung von Verantwortung: Plattformen entziehen sich weitgehend, während Verantwortung individualisiert wird. Ökonomische und algorithmische Steuerungslogiken bleiben häufig unsichtbar. Medienpraktiken werden besonders in Momenten der Irritation (z. B. technische Störungen) reflexiv zugänglich.

Für die medienpädagogische Praxis bedeutet dies, stärker an konkreten Alltagssituationen anzusetzen, unsichtbare Plattformlogiken offenzulegen und die Grenzen individueller Souveränität zu thematisieren. Zielperspektive ist eine „situative und relationale Souveränität“, die kollektive und kontextbezogene Handlungsmöglichkeiten einbezieht.

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Talkrunde: „Digital und selbstbestimmt – wie kann das gelingen?“  

In einer Talkrunde zum Tagungsabschluss erörterten wir gemeinsam mit Jugendlichen und Erwachsenen die Frage, wie die Umsetzung „digitaler Souveränität“ im Alltag gelingen kann.

Zaim Sari (IT-Referat der LH München) hob dabei hervor, dass die Landeshauptstadt München verstärkt auf Open-Source-Lösungen setzt und im Sinne von „Open Government“ Transparenz, Teilhabe und gemeinschaftsorientierte Innovation fördert. Das Open Data Portal der Stadt stellt z.B. offene Verwaltungsdaten bereit. 

Caroline Boos (Wikimedia e.V.) betonte die Bedeutung freier Software als Voraussetzung für digitale Selbstbestimmung. Sie verwies nicht ohne Stolz auf das 25-jährige Bestehen der Wikipedia, die sich über Spenden finanziert und jüngst z.B. von einem Boykottaufruf profitiert hat, da daraufhin das Spendenaufkommen nochmals anstieg.

Johannes Näder (Free Software Foundation Europe e. V.) verwies auf die Notwendigkeit geeigneter politischer Rahmenbedingungen zur Förderung freier Software und plädierte auch auf individueller Ebene für eine proaktive Auseinandersetzung mit alternativen Technologien jenseits proprietärer Standards.

Die jugendlichen Medienscouts Roya, Kathi und Conor vom Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium München erläuterten, dass die dominanten Online-Dienste den Alltag Jugendlicher prägen und auch schulische IT-Vorgaben die Handlungsspielräume einschränken. Alternative Angebote erscheinen hingegen oft wenig attraktiv oder zugänglich.

Für Schule und Jugendarbeit ergibt sich daraus die Herausforderung, digitale Souveränität nicht nur technisch, sondern lebensweltorientiert zu vermitteln. Ein passender Ansatz scheint eine alltagsnahe, partizipative Medienpädagogik zu sein, die Themen wie Datenschutz, Plattformlogiken und Handlungsalternativen in lebendiger und verständlicher Form vermittelt und reale Wahlmöglichkeiten aufzeigt.

Praxisimpulse

Neben den Keynotes gab es insg. sechs Praxisimpulse, bei denen in Kleingruppen innovative Methoden, Materialien und Ansätze vorgestellt wurden:

  • Was haben Grundrechte mit digitalen Diensten zu tun und wie kommt man dazu mit Jugendlichen ins Gespräch? (Caroline Boos, Wikimedia Deutschland, Berlin)
    > Präsentation
  • Die offene Bildungsmediathek MUNDO (Christina König, FWU Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, Grünwald) 
    > Website
  • Zukunft mit Minecraft gestalten: Digitaler Praxisworkshop für kreative Köpfe (Danilo Dietsch, Q3.Quartier für Medien.Bildung.Abenteuer, Traunstein & Gregor Walter, Kids Lab, Augsburg)
    > Präsentation
  • Hands-on: Wie man junge Menschen für digitale Souveränität begeistern kann (Bonnie Mehring und Johannes Näder, Free Software Foundation Europe e.V., Berlin)
    > Präsentation „Ada und Zangemann“ & Buch // > Präsentation „YH4F“ & Website
  • Digitale Souveränität in der offenen Kinder- und Jugendarbeit (Wolfgang Haberl, Fachstelle Medien und Technologie des Kreisjugendrings München-Stadt)
    > Website
  • Digitaler Unterricht mit Open Educational Resources, OER (Patrick Oberdörfer, Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet – ZUM e.V., München)
    > Präsentation // Website ZUM // Website OERInfluencer.de

Weitere Angebote

Im Rahmenprogramm des Internettreffens wurden noch weitere Materialien und Angebote vorgestellt:

  • Open Roberta, frei verfügbare Programmierplattform für Robots und Boards > Website
  • Prusa, der 3D-Drucker mit Open-Source-Firmware > Website
  • Ada & Zangemann, ein Märchenfilm über Software, Skateboards und Himbeereis > Film
  • Digital Independence Day, Aktionstag & Wechselrezepte für digitale Souveränität > Website
  • Mastodon-Startpaket mit Accounts aus Medienpädagogik und Medienbildung > Startpaket

Open Space-Ergebnisse

Im Rahmen eines „Open Space“ beschäftigten sich die Teilnehmenden mit verschiedenen Themen. Hier die Notizen aus den Kleingruppen:

  1. Materialaustausch mit Mundo
  2. OpenSource-Alternativen
  3. DeepFakes
  4. Elternarbeit in der digitalen Jugendbeteiligung
  5. Praxisideen & Projekte 

Impressionen von der Tagung